neulich
war ich mal wieder in der berliner philharmonie.diesmal ein besonderer anlass.mein ehemaliger schüler ISKANDAR WIDJAJA aus der zeit meiner arbeit im kinderhort in den 90iger jahren hatte sein debut beim deutschen sinfonieorchester als soloviolonist.
iskandar ist heute 29 jahre alt und war einige jahre unter der obhut von meiner geschätzten kollegin martina und mir.die eltern kamen aus asien ,die mutter,chinesin aus indonesien, der arabsich-holländische vater ebenfalls ,der grossvater ein bekannter indonesischer komponist.und die familie lebte seinerzeit hier in siemensstadt. chin, die mutter, war pianisten, bei einem aufenthalt in indonesien bekam der kleine iskandar von seinem grossvater eine kleine geige geschenkt,auf die er fortan uebte.und die ihn faszinierte.
er war ein huebscher schlanker junge mit einem umwerfenden sinn für humor, sein lachen war ansteckend, ebenso konnte er aber auch schmollen und traurig sein, wie alle anderen kinder auch., aber sein glucksendes uranisches lachen ist mir heute noch im ohr.
als ich 2001 den schülerladen verliess, verlor ich ihn aus den augen, bis eine freundin mir erzählte, dass iskandar violine studiere und bereits ab und an mit der mama auftrat.da ich zu der zeit auf ibiza lebte, bekam ich diese auftritte nicht mit, erst viel später hörte ich ueber seine erfolge in indonesien, wo er bereits als klassik- und pop star gefeiert wurde.als ich wieder nach berlin zurückkehrte. traf ich ihn 2014 zufällig nähe U bahnhof halemsweg,wo er immer noch zu leben schien. die begegnung war herzlich aber kurz, da seine putzfrau auf ihn wartete.aha, man hat eine putzfrau dachte ich nur, aber als künstler verbringt man nicht gern zeit mit putzen und aufräumen, das konnte ich auch nachvollziehen. es gab dann immer mal wieder ueber facebook nachrichten ueber ihn, ich sah auch einige soloauftritte im youtube -kanal, das wars(siehe auch youtube : iskandar widjaja im gespräch mit m.moor im palais )
aber letzten sonntag war es dann endlich soweit.er hatte sein debüt mit dem deutschen sinfonieorchester in der philharmnonie. im vorverkauf erwarb ich eine karte, um diesmal auch sicher zu sein, ihn endlich zu erleben.....
auf dem programm standen TILL EULENSPIEGEL S STREICHE von RICHARD STRAUSS, danach WIENIAWSKIS VIOLINENKONZERT NR 2, einen komponisten ,den ich bislang nie gehört hatte, SCHUMANNS FANTASIE FÜR VIOLINE UND ORCHESTER und ganz zum schluss HINDEMITHS SINFONIE ES DUR.
klassische musik höre ich gern zuhause, aber ab und zu auch in echtzeit in berliner sälen mit diversen orchestern.leider geht vieles nicht, da ich ein problem mit hohen frequenzen habe. also alles mit sopran gesang und vor allem orgel ist ein no go.,gern aber wagner ouvertueren oder die grossen sinfonien von mahler oder brahms und beethoven und anderen.
solovioline ist auch nur temporär zu geniessen,da bekanntlich auch da hohe töne hervorgerufen werden können,-----obwohl die HAVANAISE UND DER
DANSE MACABRE von CAMILLE SAINT SAENS,(da empfinde ich die geige sehr moderat,ansonsten mitunter auch schräg und für meine ohren nicht immer angenehm,aber da bin ich wohl überempfindlich)
definitiv zu einem meinen lieblingskompositionen ueberhaupt gehören, also, es kommt auch immer drauf an,wie das gesamtklangbild ausfällt.
zur klassik bin ich relativ spät gekommen, da in meiner familie entweder alte operetten oder schlager gehört wurden, somit wuchs ich eher auf mit caterina valente und margot eskens denn mit debussy ,sibelius oder verdi.
sobald ,vornehmlich an den christlichen feiertagen, im radio klassik zu hören war, rief meine mutter"mach was anderes dran, die trauermusik will hier keiner hören" basta, schluss,aus.
nicht,dass ich die schlagerwelt der 50iger bis in die 70iger hinein nicht gemocht hätte,im gegegenteil,aber es gibt doch nichts facettenreicheres als musik,oder ,wie herr nietzsche meinte "VERMÖGE DER MUSIK GENIESSEN DIE LEIDENSCHAFTEN SICH SELBST"....oder; .ebenso nietzsche....OHNE MUSIK WÄRE DAS LEBEN EIN IRRTUM"..
.naja, jedenfalls gab es viel musik in meiner familie, ein onkel spielte akkordeon, der opa sass vor dem radio und lauschte willi schneiders ...".wenn das wasser im rhein goldner wein wäre,"
der vater sang beim autowaschen ,die mama beim bügeln, das radio war immer präsent und zu weihnachten 1975 gabs eine stereotruhe in altdeutsch und passend dazu nicht etwa BACH S MATTHÄUS PASSION sondern WEIHNACHTEN MIT HEINO.als ich mir ein jahr später eine gitarre wuensche,auch ein wenig neidisch auf maria t., die nachbarstochter ,die klavier lernen durfte,bekam ich eine grosse aktenmappe für die schulbuecher,aus echtem leder.jahrzehnte später besorgteich mir in indien eine TANPURA,ein kleiner ersatz.und wenig virtuos,aber leich tzu lernen.
dann liefen auch immerzu fortan die bekannten langspielplatten von vicky. katja ebstein, daliah lavi,mireille matthieu,freddy und james last---------und ich erstand meine erste single 1963,das war SUPERGIRL von graham bonnie........ und nachdem ich den wunderbaren indischen film PATHER PANJALI sah ,mit der für mich damals exotischen filmmusik von ravi shankar,(also ausschliesslich SITARMUSIK) besorgte ich mir die platte und fortan rauschte es indisch durchs wohnzimmer.europäische klassik gab es also nicht in meiner kindheit,auch wenn viel gesungen wurde und kein geburtstag in der erweiterten familie.dazwischen kaufte ich mir natürlich auch 1967 ein TELEFUNKEN TONBAND für das ich in den sommerferien in der baumschule engberding wochenlang unkraut jätete.also waren die BEATLES; STONES,MOODY BLUES UND CUBY AND THE BLIZZARDS und zig andere bands und gruppen auch parat.
eine meiner ersten irgendwo mitgeschnittenen klassikaufnahmen war dann das ADIAGETTO aus MAHLERS 5ten sinfonie,das intro zum film TOD IN VENEDIG der damals in die kinos kam und danach gings dann weiter mit DVORAK; PURCELL; HÄNDEL,SCHUBERT;MOZART, (dessen PIANO CONCERTO nr. 21 ich in einer nacht unter einfluss von LYSERSÄUREDIETHYLAMID rauf und runter hörte ,in einer extrem langsamen fassung ,was somit stundenlang sowohl durch die synapsen wie auch durch meinen ganzen emotionalkörper floss)
die göttliche herkunft der klassichen musik war mir also fortan bewusst, natürlich je nach komponist auch mehr oder weniger.BACH kam mir dann sogar durch die holländische gruppe EKSEPTION ins bewusstsein,die seine komposition AIR poppig auf vinyl bannte,und der verliess mich natürlich nie wieder als einer der ganz grossen.Und natürlich der geniale BOLERO von RAVEL;---inzwischen leider oft missbräuchlich für duemmliche erotikfilme eingesetzt und mitunter das alibistück für eher desinteressierte klassikhörer ,aber immer wieder in seiner einzigartigkeit von nicht endendem reiz und mich immer wieder tränen animierend, besonders wenn er im tv oder life zu gehört gebracht wird,was zum glück öfters passiert.
langsam kam ich auf den geschmack, konnte die musik aber nicht wirklich deuten in dem sinne wie klassikkenner das vielleicht tun und können ,obwohl ich mir mühe gab und bücher wie KAISERS KLASSIK von joachim kaiser las, dieser exzellente kenner klassischer msuik,der per buch versucht ,einem die verschiedenen werke und komponisten nahrzubringenund ihre unterschiedlichkeit darlegt.
ebenso las ich gern biografien ueber komponisten wie mahler,brahms (in jean christof)? oder händel (von meinem geliebten ROMAIN ROLLAND u.a.),mir begegnet die klassische musik eher durch den gefühlsapparat, auf deutsch ueber das HERZ.
aber ich hab probleme mit atonaler musik wie die von SCHÖNBERG und ALBAN BERG,obwohl ADORNO die befreiung der musik vom zwang der tonalitätund damit die ungehinderte entfaltung des musikalischen ausdrucks befürwortete.aber das ist mir realtiv egal,STRAWINSKY reicht. ...., wie ueberhaupt in der kunst immer erst das empfinden ausschlaggebend ist denn die analytische betrachtung.für mich ist das so.,und das spektrum der musik auf planet erde ist dermassen facettenreich,virtuos und vielfältig dass jeder das finden kann was zu ihm passt.ich höre auch keinen JAZZ, der bei mir nichts bewirkt und andere begeistert.
unendlich reich ist die weltmusik und es vergeht kein tag ohne eine alte kassette oder grad erstandene cd oder radiomusik,wenn sie denn erträglich ist in diesem mitunter grauenhaften mischmasch zeitgeistlicher popmusik,aber um die gehts ja auchnicht.
ich selber fing dann auch an in chören zu singen, ORFF; VERDI; BACH etc. im studiochor berlin, mit dem ich u.a. auchin der BERLINER PHILHARMONIE auf der bühne stand,so wie heute abend der ehemals kleine und nun ganz grosse iskandar.
der abend beginnt wie gesagt mit straussens till eulenspiegel ------und dann kommt das erwähnte violinenkonzert von wieniawski. und er kommt auf die bühne mit seiner alten , sehr wertvollen geige und begrüsst das publikum.
wie gesagt ,mit CHRISTOF ESCHENBACH und dem DEUTSCHEN SINFONIEORCHESTER BERLIN steht er auch heute zum erstenmal auf der bühne,mit einem silbergrauen hemd und den ansonsten immer kokettierend schwarzen haaren,die heute aber streng zu einem knoten zusammengebunden sind. er wirkt auch ,im gegensatz zu unserem kruzen treffen vor 3 jahren jetzt wie ein mann,nicht mehr schmal und knabenhaft ,sondern eher muskulös und kräftig..... und ist eine schöne erscheinung, wie er dasteht und sich verbeugt,sich dem dirigenten eschenbach zuwendet und dem ersten geiger die hand reicht und das ganze orchester nickend begrüsst.
das stück beginnt und er schwingt sich langsam mit seinem oberkörper ein indie klangwelt der komposition, er atmet musik, das spürt man sofort.und was dann kommt macht mir abwechselnd gänsehaut und feuchte augen.mit unglaublicher virtuosität fliegen seine finger ueber die saiten, sein körper biegt sich im geschehen der erwirkten töne und er verschmilzt mit dem orchester und seiner geige ,hingebungsvoll und mit ungflaublicher konzentration.das alles natürlich ohne noten.
ich bin kein musikritiker oder -journalist, deswegen kann ich keine analytischen finessen von mir geben,ich sehe nur gebannt zu wie mein einstiger hort-schüler hier 20 jahre später das publikum begeistert.meine bedauernswerten idiosynkrasien was quietschende geigentöne betrifft sind in dieser stunde verflogen.
ich geniesse jeden bogenstrich und bin verzaubert von seinem innigen spiel,das sich ,mal steigernd, mal den feinen tönen hingebend rundet zu einem für mich wirklich intensiven empfindungsphänomen ....und ich staune und höre gleichzeitig,was dieser junge mann da unter mir, denn ich sitze halb schräg in block g ueber ihm, in diese auch immer wieder grossartige akkustik des grossen saals der philharnonie hineintönen lässt mittels der über tausenden von stunden erprobten begnadeten feinen hände ,die den bogen führen und die saiten bearbeiten. welch disziplin, welch begeisterung, welch täglich und nie endende praxis ist dazu notwendig.
als kind ging er zwar immer pünktlich aus dem hort zur geigenstunde, zweimal die woche erinnere ich,kann sein.aber dass er derart versessen darauf war ,dieses instrument zu beherrschen,war mir damals nicht so aufgefallen.
ich sah ihn im rbb tv auf der couch zwecks interviews vor einiger zeit,und da erahnte ich seine leidenschaft,als er von BACH sprach als jemanden der sein mantra, seine gott,seine welt sei.in seinen augen sah ich die freude und die sinnliche hingabe an die musik mit allen fasern seines seins, und das kinderlachen war plötzlich wieder da, wie er sich lachend ueber sich selber amüsierte als zur sprache kam, dass er ja in indonesien quasi eine art star sei für die dortige jugend auch, die mädels liegen ihm zu füssen ,so sah es jedenfalls auf einem ein kurzen filmeinspieler aus djakartha aus , nachvollziehbar allemal.
in der pause spar ich mir den gang durch die gänge mit den sektschlürfenden berliner intellektuellen oder musikkennern oder was sich dafür hält und gehe auf den balkon und schaue in den lauen abendhimmel.
dann gehts weiter mit SCHUMANNS FANTASIE FÜR VIOLINE UND ORCHESTER mit ihm erneut als sologeiger. er hat sein hemd gewechselt, trägt eine schwarz weiss gemusterte kreation die ihm sehr gut steht, da er auch immer diese schwarz weiss komponente in sich hatte,schon als kind,seine helle haut und die rabenschwarzen haare.
wieder bewegt er sich im takt des vorspiels und setzt entsprechend ein und seine feinen schlanken finger bewegensich fliessend und mit rasanter geschwindigkeit ueber die saiten seines alten instruments.
man spürt seine energie,seine eigene begeisterung für das was er da tut, es ist seine erfüllung,seine bestimmung.seine wirkliche und wohl letztlich wichtigste ur-eigene , innere welt.
in einem interview sprach er von einsamkeit , die er braucht ,um sich in diese welt zu versenken,sein in seinem innern verankerter anspruch auf perfektion und ich frage mich, was anders hätte er sein sollen als ein hervorragender violonist, der er ja zu werden auf dem besten wege ist.
nach beendigung der schumann fantasie bekommt er langanhaltende ovationen vom begeisterten publikum, erhält einen riesigen blumenstrauss und verlässt die bühne, wirkt demütig und selbstsicher zugleich.eine schöne aura ,eine angenehme ausstrahlung ohne verstelltheit oder allüren.
das wars. danach spielt das orchester die hindemith-smyphonie es dur ,ein vielschichtiges stück mit ordentlichem beckengeknalle ,fettem tubageblase und lautem blechgetöse, wunderbar.und zum ersten mal sehe ich,wie der paukist mit einem schlagstock die pauke von obenherab schlägt....was es alles und immer wieder neues gibt wenn man eine klassische komposition nicht nur per cd hört ,sondern auch das orchester beobachten kann.
und danach der abend ist vorbei.
erfüllung,dieses wort kommt mir in den sinn.von vielen kindern aus unserem ehemaligen hort weiss ich nicht ,was aus ihnen geworden sind. sicherlich gehen die meisten einen ihnen adäquaten guten weg,aber erfüllung durch musik, das hat iskandar in sein leben gebracht, das ist spürbar, auch wenn man ihn ueber seinen werdegang sprechen hört.
danke für diesen abend sagt der ältere mann da in block g leise zu seinem ehemaligen kleinen issy, den spitznamen, den ich ihm damals gab...und den er für seine freunde offensichtlich behielt.
und alles gute auf deinem weiteren weg, und bleib so wie du wohl immer warst,eine fliessende,von noten und bogen und saiten durchströmte seele mit der leidenschaft für das schönste und gewaltigste was die menschheit hervorgebracht hat.
MUSIK.